Mittwoch, 17. Dezember 2014

Kapitel Radfahren


In dem ich einen sprechenden Stuhl treffe, meine Karriere als Kriegsreporter plane und mit einem Hinterkopf rede.

Zack, schon wieder einer. Ich bin mit dem Fahrrad auf dem Weg zur Arbeit und sehe schon von weitem die rechtsblinkende Limousine vor mir. Der schneidet mich gleich auf dem Radweg, wette ich mit mir selbst. Wette gewonnen. Das lange Ungetüm kriecht mir im Schneckentempo vors Vorderrad. Ich komme mit vorwurfsvoll quietschenden Bremsen zum Stehen. „Hier ist ein Radweg!“, rufe ich und starte ächzend ein Überholmanöver. Beim Vorbeiziehen blicke ich auf einen Kevin Kuranyi-ausrasierten Hinterschädel. Auf „Ey, Radweg Alter!“ hätte der wohl eher reagiert.

Straßenverkehr ist Krieg. Und der Fahrradfahrer läuft als Fußvolk an vorderster Front. Zum Abschuss freigegeben. Von den Autos bedrängt, von den Fußgängern ignoriert. Der Radweg: Eine praktische Stellfläche, auf der man halten und sich unterhalten kann. 

Das wären doch mal wieder phänomenale, einleitende Worte für einen Blog-Artikel, denke ich. Überhaupt sollte ich auf meinem Blog politischer werden. Meine Meinung sagen. Die demokratieverwöhnten deutschen Blogger schreiben über Luxusprobleme wie frühes Aufstehen, den inneren Schweinehund oder posten Kaffeetassen auf Holztischen. Dabei könnte man doch von seinem Recht auf freie Meinungsäußerung Gebrauch machen! Ich könnte sozusagen als Kriegsreporter von der Front im Einsatz für die Radfahrer berichten. Ach, im Geiste formuliere ich schon ganze Posts, der kalte Fahrtwind kühlt mein vom Eifer erhitztes Gesicht – als ich wieder scharf bremsen muss.

Ein Lieferwagen kommt mir mit eingelegtem Rückwärtsgang auf dem Radweg entgegen gezockelt. „Eine Unverschämtheit!“, protestiere ich lautstark. Umständlich umrunde ich den Wagen. Mit zusammen gekniffenen Augen sende ich dem Fahrer alle bösen Energien, die ich mobilisieren kann. Auf dass dir dein schlechtes Gewissen den Schlaf raubt!

Eigentlich geht es doch nur um einen Punkt: Ich möchte als Radfahrer ernst genommen werden. Ein gleichberechtigtes Mitglied im Straßenverkehr sein. Dessen Rechte respektiert werden, der sich dafür natürlich genauso an die Verkehrsregeln zu halten hat wie alle anderen auch. Ja, ich geben zu: Auch ich kann hier nicht als Vorbild glänzen. Ich bin schon gegen die Einbahnstraße gefahren. Aber im Prinzip doch nur aus Protest in meinem Stadtviertel. Denn in vielen anderen Vierteln meiner Stadt dürfen meine Radkollegen schon legal gegen die Einbahnstraßen fahren.

Und zwar aus einem ganz einfachen Grund: Zur Notwendigkeit der für alle am besten erscheinenden Vereinbarung und vom Standpunkt der Ersichtlichkeit aus wie auch im Allgemeinen gesehen ist eine unbedingte Notwendigkeit gefragt. Vermerk für die to-do-Liste: Unbedingt nach pro-Argumenten für „Fahrradfahrer gegen die Einbahnstraßen“ googlen. Sonst wird das mit dem Kriegsreporter nichts. Wieder muss ich bremsen.

Der Fußgänger, der sich mir in den Weg schiebt, trägt eine dunkelblaue Uniform und stellt sich als Vertreter der örtlichen Polizei vor. Sein Nachname stammt aus dem Wortfeld der Möbelstücke und wird an dieser Stelle aus Gründen der Anonymität geändert. Benennen wir ihn also einfach nach einem anderen Möbelstück. Zum Beispiel: Herr Stuhl. Also „Stuhl“ im Sinne des gleichnamigen Einrichtungsgegenstands, nicht im Sinne von … ist ja auch egal.

Jedenfalls klärt mich Herr Stuhl höflich darüber auf, dass das eben ganz knapp rot war und ich mich jetzt nicht dazu äußern muss. Folglich halte ich die Klappe und überlege, wo hier gerade eigentlich eine Ampel war. Ich werfe einen unsicheren Blick über die Schulter. Ach, das muss sich um die kleine Kreuzung dort drüben handeln. Da war ich wohl etwas in Gedanken.

„Sie dürfen aber ruhig trotzdem etwas sagen“, ergänzt Herr Stuhl freundlich und notiert sich meine Daten in seinem schlauen Buch. Ich setze auf Ehrlichkeit in der Hoffnung ein paar Jährchen rausschlagen zu können. Ich wäre in Gedanken gewesen und hätte die Ampel gar nicht wahrgenommen. Ab sofort würde ich morgens sicher nicht mehr auf dem Rad schlafen, schließe ich scherzhaft. Herr Stuhl steigt darauf ein und frotzelt, dass Radfahren ja eigentlich erfrische. Und dann murmelt er etwas von 60 Euro und fünf Euro Bearbeitungsgebühr und mindestens einem Punkt in Flensburg.

Ich verschlucke mich und muss husten. „65 Euro und mindestens ein Punkt?!“, stammle ich. „Aber ich bin doch nur ein Fahrradfahr… ähm … also ich meine: Endlich nimmt mich hier mal jemand richtig ernst!“

Liebe Leser, wieder einmal verschiedene Situationen aus meinem Alltag zu einer runden Sache zusammengefügt und zugunsten einer Pointe etwas ausgefeilt. Ist eigentlich so passiert nur etwas zeitversetzt. Die angekündigte Weihnachtspost von Herrn Stuhl mit der Auflistung meines Vergehens erwarte ich schon sehnsüchtig. 

Und wie steht ihr zum Thema Radfahren? Fahrt ihr überhaupt? Und wenn ja: Wie geht es euch in eurer Stadt dabei? 

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